Thomas Sparr über Jürgen Habermas' »Tod in Jerusalem« anlässlich des Begräbnisses von Gershom Scholem
Shownotes
Jürgen Habermas Tod in Jerusalem Merkur, Nr. 406, April 1982
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00:00:10: Herr Spaß, Sie haben einen Text ausgewählt der so ein bisschen verblüffend ist weil er zwar von einem der wirklich prominenten Mercur Autoren stammt Jürgen Habermas.
00:00:18: Aber es ist ein sehr kurzer Text geradezu ein Gelegenheitstext nämlich sein Nachruf auf Gershum-Scholem.
00:00:25: Warum haben sie den ausgewählt?
00:00:28: Also... Der Text hat eine gewisse Prägnanz.
00:00:32: Er gehört zu ihrer Rubrik der Marginalien die ich immer eine besonders interessante Rubrik fand weil da gar nicht nur Marginalien behandelt werden, aber sie erscheinen wie marginal und das sieht man, wie ich finde an diesem Text zentral.
00:00:52: Es ist der Eindruck nach dem Begräbnis von Gershom-Scholem in Jerusalem.
00:01:03: es ist niedergeschrieben sehr schnell danach einige Tage Und erst einmal ist es ganz bezeichnend, dass ich glaube das erste jüdische Begräbnis war bei dem Jürgen Habermas zu Gast war.
00:01:17: Das ist schon mal eine Konstellation die ungewöhnlich ist.
00:01:23: Es ist eine Art Necrologer aber auch die Beschreibung der Zeremonie wie man im Judentum begrebt Wie wir wissen wenig davon.
00:01:32: Ich selber war noch nie, obwohl ich drei Jahre in Israel gelebt habe, noch nie auf einem jüdischen Begriff in seiner Einfachheit und Schlichtheit.
00:01:44: Habermas knüpft daran eine ganze Gedankenwelt, also die Reflexion über seine Verbindung zu Gershum-Scholem.
00:01:55: Und dieses Zusammenschießen ganz unterschiedlicher Momente in einer Marginalier erschien mir besonders reizvoll.
00:02:03: Es gibt einen Vorgänger-Effekt zum achtzigsten Geburtstag.
00:02:06: Ich weiß nicht, ob Sie den noch in Erinnerung haben, in dem viele Motive aufgenommen werden?
00:02:13: Was ist das Faszinosum für jemanden wie Habermas, der sich als religiös doch eher unmusikalisch selbst präsentierte mit jemandem, der mit einer Form mystik beschäftigt, für die es religiöse Zentral ist?
00:02:32: Ich glaube, dass Habermas durch Scholem und dieser Text, den sie erwähnen, heißt ja die Verhüllte Torah.
00:02:43: Dass er seine verhüllter Religiosität entdeckt hat in Habermass was wir nur als leicht vergessen hatten in den fünftiger Jahren eben auch Theologie studiert.
00:02:52: Und da kommen zwei Strömungen zusammen nämlich Philosophie und Theologie.
00:02:59: Wir können noch eine Dritte nennen, die Soziologie und verbinden sich ganz auf eine ganz besondere Weise im Werk von Habermas.
00:03:06: Und ich glaube ihm ist die eigene Tradition nämlich die der kritischen Theorie in einem bestimmten Moment bewusst geworden, nämlich dem der mystischen Impulse der jüdischen Traditionen, die in der kritische Theorie wirksam ist.
00:03:23: Die war im Vermittelt durch Adorno
00:03:25: auch
00:03:25: durch Benjamin als Leser von Benjamin.
00:03:28: Aber Scholem war so etwas wie die Verkörperung dieser religiösen mystischen Tradition der kritischen Theorie, die eben zur Soziologie und zur Philosophie mit dazukommt.
00:03:47: Es gibt am Ende des Textes die verhüllte Tore dann auch eine Formulierung,
00:03:52: die ich
00:03:53: sehr viel später bei Habermas gefunden habe – nämlich der Versuch den Eigenwert des religiösen und das vollkommen säkularisierten gesellschaftlichen Bedingungen neu zu formulieren oder zu fassen.
00:04:09: Die ich persönlich dann Ende der nachtziger Jahre, Anfang der neunzige Jahre erst als ausdrückliche These von Habermas entdeckt habe die dort schon vorformuliert wird.
00:04:20: in dieser Auseinandersetzung
00:04:22: So ist es.
00:04:23: Ich halte das für eine früh formulierte These fast wie ein Arbeitsprogramm, dass Habermas dann mit Religion und Vernunft also erst später formuliert hat, wie sich Religiosität behaupten kann unter den Lebensbedingungen der modernen Welt oder aufgeklärten Welt.
00:04:41: Und das hat ihn damals schon beschäftigt.
00:04:45: aber er ist vielleicht aus anderen Gründen nicht dazu gekommen das auszuformulieren Aber er ist dazu zurückgekehrt.
00:04:52: Interessanterweise hat er dann in einem dritten Text, in den Münchner Beiträgen zur jüdischen Geschichte und Kultur ist ja noch einmal auf diese beiden Texte zurückgekommen beziehungsweise auf die beiden Anlässe.
00:05:06: Einmal war es der achtzigste Geburtstag mit einem Empfang des damaligen deutschen Botschafts, das in Israel Klaus Schütz und wo Scholem seine Lebenserinnerungen vorgestellt hat.
00:05:19: In dem Jahr die Beerdigung von Halbamaas war tatsächlich auch nochmal auf seine späten Arbeiten.
00:05:28: Man kann ja sagen es sind doch später Arbeiten im Werk von halbamaass über Religion und Vernunft zurückgekommen.
00:05:34: Und von alles dieser Münchner Text?
00:05:36: Das ist... glaube ich, im Jahr zwei Tausend
00:05:39: Zwei.
00:05:41: Zu den Lebenserinnerungen von Scholemm gibt es dann nochmal einen sehr interessanten Einwurf von Jakob Hessing der als der Briefwechsel zwischen Scholem und seiner Mutter veröffentlicht wurde auch im Merkur.
00:05:55: dazu noch was geschrieben hat.
00:05:56: diesen am Rande über dem bin ich gestoßen als mich über Scholems informiert habe denn das ist sehr an mir vorbeigegangen.
00:06:05: Ich
00:06:05: fand es interessant zu sehen, dass Scholems in denselben Antiquariaten gestöbert hat, in denen ich als Student zu dieser Zeit unterwegs war.
00:06:13: Aber die Milieusen, in den ich unterwegs war, sind so vollkommen von dem getrennt gewesen... ...dass er mich im Nachhinein einarbeiten muss.
00:06:22: Was
00:06:23: war
00:06:25: für Leute, die diesen milieus näher stand?
00:06:27: Was war die Bedeutung Scholemns in Deutschland während der Achtzigerjahre?
00:06:34: Ich glaube, dass die Bedeutung einfach gar nicht so ausgeprägt ist.
00:06:39: Dass Scholemm immer noch zu entdecken ist.
00:06:41: und als sie so freundlich waren mich einzuladen habe ich ja gesagt, ich möchte gerne mal über eine abgeschlossene Geschichte etwas machen, über eine historische Geschichte.
00:06:51: Und natürlich es ist ein Tod der thirty-fünf Jahre zurückliegt.
00:06:55: und doch kann man sagen Es gibt noch keine große verbindliche Biografie über Gershom Scholem.
00:07:01: Wir wissen über die Beteutung seines Werkes Nicht genug, es gibt keine große Ausstellung über ihn im jüdischen Museum seiner Heimatstadt.
00:07:11: Also da hat man noch vieles zu entwickeln und zu entdecken aber auch zu entwickeln.
00:07:18: Ich habe nur festgestellt dass sehr sehr viel was Überschuldem in deutscher Sprache geschrieben wird unmittelbar mit der Frage, was sagt uns Schulheim zu dem eigentlich Interessanten Walter Benjamin zu tun hat?
00:07:32: Also ich glaube das auch viel.
00:07:34: Der Person verschattet wird durch die Benjamind Rezeption, die er angestoßen hat für dir mit ausschlaggebend verantwortlich war und dass da einfach auch dahinter zurücktritt Das
00:07:47: kann man sagen.
00:07:48: also wir haben ja eine Flut von Veröffentlichung über Walter Benjamin seit dreißig Jahren.
00:07:53: meines Erachtens ein wenig des Guten zuviel.
00:07:57: Was Scholem angeht, haben wir noch nicht mal eine gute verbindliche Werkausgabe.
00:08:01: Also gut das muss ich jetzt sagen.
00:08:03: also Ich wünschte wir würden das in die Wege leiten aber ich teile ihre Einschätzung vollkommen.
00:08:10: Ertritt dahinter Benjamin zogen erst für die Leute auch nur interessant Sofern er Benjamin oder so weiter Benjamin erforscht hat.
00:08:20: tatsächlich Treffen sich im scholem Jahr zwei kommen zwei Seelen zusammen in einer Brust, und zwar die des Philologen und Historikers.
00:08:34: Das Präzisen so wie Habermas das auch zeigt und das Geschichtsphilosophen.
00:08:38: also er kann das verbinden und verbindet das in seiner markellosen Prosa und dass ist eigentlich etwas sehr interessantes.
00:08:46: bei Benjamin würde ich immer eher auf die Seite des Geschichtsphilosophen, des Mystikers schlagen.
00:08:54: Sicher auch das Philologen aber nicht in dem Maße wie es bei Scholem der Fall war, der zu dieser ganz strengen exegetischen Welt, die er in München eben auch studiert hat, der alter Tumswissenschaften, der Mathematik und präzisen Philologie und Orientalistik gehörte.
00:09:20: Beides ist dann wiederum eigentlich auch nicht Habermas-Ding, insofern wäre schon die Frage wie sehr Habermass wirklich ein genuines Interesse an Scholem hatte oder ob das nicht in dem Fall der Gelegenheit geschuldet war?
00:09:32: Ich würde sagen beide haben aneinander ein genuines Interesse gehabt.
00:09:38: es gibt einen Brief von Scholemmen an George Lichtheim Historiker, Ideenhistoriker der Sechziger-Siebzigerjahre aus London und er schreibt ihm ich habe gerade Jürgen Habermas kennengelernt.
00:09:57: Der sieht ja aus wie eine geurische Variante von Walter Benjamin.
00:10:01: man könnte auf occulte Ideen kommen.
00:10:03: also das fand er wohl schon ganz faszinierend dass es eine gewisse physioknemische Ähnlichkeit zwischen den beiden zwischen Benjamin und Habermass gibt.
00:10:12: umgekehrt hat Habermast sich glaube ist zu seinen theologischen Ursprüngungen zurückgekehrt und hat auch einen Weggefährten von Adorno nach Adornos Toden-Ninzehntneunundsechzig kennengelernt.
00:10:29: Also Habermas hatte im Laufe seines langen Lebens eben auch immer Vaterfiguren gehabt, eine war ganz sicher Adorno und die andere war Scholemme und Scholemm hat in ihm glaube ich ein Ja, wie soll man das sagen?
00:10:45: Einen jungen Freund gefunden und hat die kritische Theorie in einer disziplinierten Form kennengelernt.
00:10:55: Akademisch-diszipliniertem und gebändigten Formen.
00:10:57: Das war ihm glaube ich ganz wichtig.
00:10:59: also er hatte wenig am Hut mit überschießender Energie.
00:11:05: auch so revolutionäre ideologische Umtriebe im Frankfurter sechziger Jahre waren ihm glaube Ich glaube, dass ihm auch die negative Dialektik – es gibt einen ganz langen Brief an Adorno.
00:11:22: Auch das war ihm nicht ganz geheuer.
00:11:25: aber das was Habermas in der im eigenen Lucidität und Diszipliniertheit vertreten hat und immer noch vertritt, das war sehr zugänglich.
00:11:36: Ein zivilisierter Adorno
00:11:40: Ja, ein Disziplinierter.
00:11:43: Minus Ästhetik sagen wir so nicht?
00:11:45: Also wenn Habermas etwas Fremdes muss man sagen ist es die ästhetische Dimension und das ist etwas Wahlverwandtes.
00:11:57: Scholem lässt Ästetik nur zu oder was heißt nur er lässt sie zu wenn Sie in den kaballistischen Ideenhimmel schon aufgestiegen ist, also diese Führort, die Verzweigungen der Welterschaffung.
00:12:16: Das interessiert ihn und das ist auch etwas sehr poetisches und kräftiges aber ein genominästhetisches Gespür.
00:12:24: sagen wir mal was Wertschätzung von Literatur, von Musik an geht, dass werden sie dort nicht finden und das is eine gewisse Analogie zwischen den beiden Herren.
00:12:38: Also einer der Charakteristika die bei Scholem oft genannt werden, war so etwas wie positivistische Judaist.
00:12:47: Ich habe mich dann gefragt was könnte das sein denn meine Textkenntnis war gering und ich hab natürlich bei uns im eigenen Archiv gesehen.
00:12:52: es gibt einen einzigen Beitrag den Scholemm in Merkur geschrieben hat.
00:12:56: Es handelt sich um zwei von ihm transkribierte Briefe von Walter Benjamin mit Erinnerungen aus den Jahren nineteen sechzehn.
00:13:05: Und dem schließt sich dann, die sind relativ kurz und den schließ ich an ein sehr, sehr langer, sehr genauer Knochentrockner- und hart recherchierter pädagogischer Bericht an.
00:13:15: Wer sind die Menschen, die da drin sind?
00:13:17: Der ist an sich schon von einer Feinheit, wo wir sagen das sind einige Wochen vergangen bis man das zusammengetragen hat und wird dann nochmal durch einen Anmerkungsapparat besetzt.
00:13:28: also wer diesen Text liest kriegt wahrscheinlich einen ungefähren Eindruck von dem was sie meint mit der mit dem unemphatischen und sehr disziplinbetonnten.
00:13:42: Ist der typisch für?
00:13:45: Ich glaube ja, sie meint diese Neugerad Geschichte die er da ausgegraben hat und wo er alles detailliert wirklich zusammengetragen hat.
00:13:54: es gibt noch einen zweiten sehr langen Text von Scholem über Walter Benjamin und sein Engel.
00:13:59: das ist ähnlich belegreich präzis und teilweise trocken.
00:14:08: Es führt aber zu der zentralen Gestalt, nämlich dem Engel der Geschichte in den geschichtsphilosophischen Thesen von Walter Benjamin.
00:14:16: Und da sieht man das für ihn oder meiner Einschätzung sieht man dass die Belege alle in den Dienst genommen werden sollen oder im Dienste einer zentralen These stehen.
00:14:33: In diesem Fall ist es wirklich die geschichtsphilosophische These, was die Antriebe von Walter Benjamin waren sie so darzustellen und was die Vorstufen und Varianten waren.
00:14:44: Das kann man dort sehen.
00:14:45: das kann ich jetzt nicht unmittelbar auf den Neugerathext beziehen weil er mir nicht mehr so gegenwärtig ist aber ich würde auch da vermuten dass es einen Schlüsselmotiv gibt.
00:14:56: Das muss man bei Scholem immer mit bedenken.
00:15:01: Ich meine auch sein Hauptwerk dieser Savarteits wie, die.
00:15:06: im Grunde überfordert das auch jeden Leser mich jedenfalls.
00:15:10: Aber das ist natürlich in allem Belegreichtum doch immer wieder die zentrale Gestalt des falschen Messias also dass Judentum kennt den Messias.
00:15:21: Nun haben Sie vorher beklagt es ist immer noch keine wirklich vernünftige Biografie von Schonem gibt.
00:15:27: sie säßen insofern an der Quelle in einem Verlag mit das Sagen haben, bei dem man sich vorstellen könnte es wäre doch ein leichtes dem abzuhelfen.
00:15:37: Warum ist es nicht so?
00:15:38: Das ist sehr interessant weil ich glaube für einen Biografen käme wahnsinnig viel zusammen.
00:15:47: er müsste sicher sein in den gelehrten Schulen der Zehner und Zwanzigerjahren im München im Heidelberg jener Zeit.
00:15:56: Er müsste in der Frühgeschichte des Zionismus zu Hause sein, er müsste in Jerusalemer gelehrten Schule der zwanziger-dreißiger Jahre zuhause sein.
00:16:07: Er müsste die kritische Theorie kennen, er musste die Nachkriegsgeschichte kennen.
00:16:11: also ich glaube da kommt sehr viel an Gelehrsamkeit, also sozusagen an Erfordernissen von Gelehrsamkeit zusammen.
00:16:20: Insofern ist das was Sie gerade geschildert haben eine Fron für denjenigen, der über Scholem arbeitet.
00:16:31: Aber es ist natürlich eine lohnende Aufgabe aber sie wird sehr lange dauern.
00:16:37: Und das ist eine Figur die einfach deren Zentralität nicht auf der Hand liegt sagen wir mal so?
00:16:43: Ja also die man entdecken muss oder kann.
00:16:51: und darum fand ich diesen schmalen Text eigentlich ganz sprechend weil Habermas ist diese Bedeutung aufgegangen und vor dem Tod.
00:17:02: Aber sozusagen, er sagt ja auch eine Epoche wird zu Grabe getragen.
00:17:07: Das hätten die israelischen Freunde dort in Jerusalem im Februar of two hundred eighty-two gesagt.
00:17:12: Und wenn man sich fragt welche Epochen es eigentlich?
00:17:16: Dann ist es wohl doch die Epoch der Kritt der Repräsentanten der einer Lehrmeinung, das was Habermas in den philosophisch-politischen Profilen so beschäftigt.
00:17:30: Er sagt ja Menschen verkörpern eine Theorie, eine Lehre.
00:17:37: die will ich hier alle nochmal zusammentragen Adorno, Hannah Arendt, Gershum Scholem und ich glaube der Tod von Scholemm sieben Jahre nach dem von Hannah Areandt aber also zu einem späteren Zeitpunkt nach dem von Adorno, das ist verkörpert so etwas wie dieses Moment der einer Biografie die eine Lehrmeinung.
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