Gustav Seibt über Karl Heinz Bohrer | MERKUR

Shownotes

Karl Heinz Bohrer Die Unschuld an die Macht! Eine politische Typologie Merkur, Nr. 425/427/431, 1984/85

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00:00:12: Herr Satz, Sie haben gleich eine ganze Säge von Artikeln ausgesucht.

00:00:16: Das ist eine Artike-Säge vom Karl-Heinz Bohrer.

00:00:22: In der mit dem Zustand der deutschen Politik

00:00:26: oder der Politiker

00:00:27: vielleicht eher noch abrechnet... Wir fragen immer, warum haben sie das ausgewählt?

00:00:33: Ich wollte es noch ergänzen

00:00:33: um die Frage

00:00:35: Glauben Sie dass das rein historisch interessant ist und auch heute noch relevant besitzt diese

00:00:41: Also das erste kann ich autobiografisch beantworten.

00:00:45: Mich haben diese Texte nicht nachträglich, sondern sofort erreicht in meiner damaligen Welt als Student.

00:00:52: Ich habe im Bielefeld studiert also ich kannte auch den Verfasser von Ferne als Lehrer und nicht nur ich, sondern auch viele meiner Kommilitonen und lesenden Freunde waren von diesem Text aufgewühlt, erschüttert, begeistert wütend ärgerlich.

00:01:09: Das heißt wir haben sehr ausführlich darüber diskutiert und diese Texte haben sich mir nicht nur deshalb sehr eingebrägt sondern auch weil ich viele Beobachtungen sehr treffend fand und auch noch sehr treffen finde.

00:01:21: Und das geht zur zweiten Frage.

00:01:23: natürlich hat sich seitlich ja sehr viel verändert.

00:01:26: Also der Hintergrund dieser Texte sind ist ja ein Monitum eine Verlustanzeige nämlich die Feststellung dass politisches Agieren, politisches Sprechen sich von ästhetischen Formen entfernt habe.

00:01:40: um es jetzt mal sehr allgemein zu fassen.

00:01:43: Und ich glaube man kann feststellen dass sich da einiges getan hat übrigens auch schon in dieser Zeit unmittelbar danach die große Rede von Richard von Weizsäcker am achten Mai Form öffentlichen Sprechens zu verbessern und ist dort in dieser Weise auch sehr anerkannt worden.

00:02:10: Also das Defizit ist in gewisser Weise von der Politik selber aufgegriffen worden, und das zeigt auch wie sehr diese Texte gewirkt haben denn die sind ja nicht nur bei uns Studenten diskutiert worden sondern die sind nach meiner Erinnerung in der ganzen deutschen Publizistik diskutiert wurden – auch sehr kritisch natürlich!

00:02:30: Denn auch die Journalisten waren ja angegriffen.

00:02:32: Es war nicht nur die politische Klasse angegriffene in einer Weise, die wir vielleicht gleich noch besprechen sondern es war der Medienbetrieb als Teil dieses Systems angesprochen dass die Resonanz für diese ästhetischen Menge dargestellt hat.

00:02:50: Wenn ich mich an die Zeit das ist Jahr zweites Kabinettkohl zurück erinnere Ist Kritik und scharfe Kritik an Milieu nichts Neues im Gegenteil.

00:03:03: Das ist schon das erste Kandidat, das begann mit einer Welle von Abneigungseiten des deutschen Kabarettes.

00:03:11: Es gab die große Welle der Birne-Karikaturen

00:03:14: etc.,

00:03:14: also man hatte in einem eher intellektuellen oder auch musischen Milieu den Eindruck... Also es erregte Ablehnung.

00:03:27: Wie kommt es, dass vier Jahre nachdem diese große Erregungswelle über die Bundesrepublik geschwoppt ist mit diesen Texten noch einmal so ein Impuls ausgelöst werden kann?

00:03:39: Also was unterscheidet die von der Kritik der Jahre zuvor.

00:03:44: Es war ja nicht vier Jahre, es waren ja zwei Jahre.

00:03:46: Also die erste Regierung Kohl, die ja sehr kurz dauert begann mit diesem konstruktiven Misstrauens-Botung im Herbst, im Wechsel der FDP, dem Sturz von Helmut Schmidt.

00:03:58: und das erklärt auch schon einiges an diesem Unbehagen denn mit Helmut Schmitt trat zum Beispiel einen glänzender Redner ab, der am Schluss noch mal richtig brilliert hatte.

00:04:07: bei diesen Abschließenden Reden, diesen großen Redeschlachten wo es ja auch um die Frage ging ist das legitim.

00:04:14: Entsprechend dass dem Wähler wählen soll man nicht sofort wählen.

00:04:16: Das waren ja auch wichtige demokratische Auseinandersetzungen die uns alle sehr bewegt haben und in diesem Zusammenhang viel der Kontrast zu Kohl als einem mittelmäßigen Redner, also einem Redner der sie verhaspelte und gerne Worte wiederholte.

00:04:31: Also berühmt dieser Satz in dieser historischen Stunde fühlen wir dass dies eine historische Stunde ist.

00:04:37: Haben wir alle drüber gelacht!

00:04:39: Und besonders auf.

00:04:41: und dann kam es zu diesen kaparatistischen Kritiken die nie abgeflaut sind.

00:04:49: Also Titanic Alle Formate, die es in diesem Genre damals auch schon gab haben das immer weiter gespielt.

00:04:58: Birne Helene, Birne Hellmut gab's sogar in irgendwelchen Kneifen damals.

00:05:04: nur Bohrer war eben noch was anderes.

00:05:06: Bohrer hat das Ganze erstens in ein System gebracht.

00:05:10: Bohra hat zweitens die gesamte politische Landschaft einbezogen.

00:05:14: Das was am meisten provoziert hat war der dritte dieser drei Artikel nämlich der gegen die Grünen Denn gegen Kohl fühlte man sich auf der sicheren Seite, jedenfalls in diesem studentischen linksliberalen Milieu.

00:05:26: Genscher, Genscharismus war auch nicht so beliebt, Gentscher war ja noch nicht so verachtet wie die FDP heute verachtet ist.

00:05:33: das begann im Grunde mit den bohrerschen Texten Der Wechsel kritisch gesehen worden und natürlich hat die Parteispendenaffäre mit Lambsdorf da eine große Rolle gespielt.

00:05:45: Aber es waren noch nicht dieser verwende Antileberalismus, den wir heute haben.

00:05:50: Die Grünen waren beliebt.

00:05:52: Die war das Neue.

00:05:54: Die hatten diesen Hintergrund auch der Nicht nur der Umweltbewegung sondern damals ganz wichtig der Friedensbewegungen.

00:06:01: Das war ja auch die Zeit wo der NATO-Doppelbeschluss umgesetzt werden musste den die SPD nicht mehr mitdruck, obwohl Helmut Schmidt ihn angestoßen hatte.

00:06:11: Das sind so politische Wirrungen, die man heute vielleicht gar nicht mehr in Erinnerung hat.

00:06:18: der Doppelbeschluss beinhaltete die NATO-stationierten Mittelstreckenraketen als Antwort auf sowjetische Mittelstreckenraketen mit dem Angebot diese sofort wieder abzubauen oder gar nicht erst aufzubauen wenn die Sowjetunion bereit ist ihre Mittelstreckengroketen zurück zu ziehen.

00:06:35: das war also dieser Doppelfischloss Und dieser Doppelbeschluss löste eine enorme und in der Bundesrepublik bis dahin auch beispiellose, also selbst die Atomproteste übertreffende und später nie mehr erreichte Protestwelle einer Friedensbewegung aus.

00:06:54: Übrigens mit dem interessanten Effekt das gleichzeitig in der DDR auch eine spiegelbildliche entstand was darauf zurückzuführen war dass der Schauplatz dieser mittelstrecken Raketenkriegsführung geworden wäre und ausgelöscht worden werden.

00:07:10: Das erwähne ich, weil das bei Bohrer auch eine Rolle spielt.

00:07:13: Und das führte zu einer moralischen Mobilisierung die nicht nur das kirchliche und das linksliberal sozialdemokratische Milieu erfasste sondern natürlich auch die Universitäten und ganz große Teile der sogenannten deutschen Intelligenz.

00:07:31: Also es gibt das berühmte Bild von Barbara Clemmen in Mutlangen, wo sie alle sitzen Walter Jens Inge Jens Heinrich Böll Hartmut von Händig.

00:07:41: also man könnte da ein Gruppenporträt machen, man könnte im Grunde eine kunsthistorische Analyse dieses Fotos machen dass eine der Kronen der Späten Bundesrepublik wurde.

00:07:50: Und Boras Text ist im Grunde ein Anwurf gegen diese ganze Gruppe, die da sitzt.

00:07:56: Im Abendschimmer oder im Fernsehlicht, im Blitzlicht von Barbara Klemmen und das war dann doch ziemlich kontraintuitiv erst einmal und das hat schockiert und zu enormen Kontroversen geführt also gerade in Bielefeld.

00:08:14: Die Universität Bilefeld kommt bei Bohrer ja auch vor ohne Namen aber unverkennbar Und mir hat das extrem eingeleuchtet.

00:08:24: Ich war im Jahr davor, also am Beginn dieses Prozesses der Friedensbewegung auch während des Regierungswechsels als Student in Italien gewesen, wo es auch eine Friedenbewegungen gab die ich auch gut kannte weil mein bester Freund da mitgewirkt hat.

00:08:38: und der Unterschied war nur In Italien hat das alles ohne diesen Mobilisierungs- und Gruppeneffekt stattgefunden improvisiert, individualistisch, kapotisch, disruptiv wie das in Italien halt so ist.

00:08:52: Zum Beispiel ein Kontrast es gab diese berühmte Menschenkette Stuttgart-Ulten eine Menschenkete auf der Autobahn mit hunderttausenden die sich Glockenschlag zwölf Uhr die Hand gegeben haben.

00:09:05: Diese Menschenketten war so überfüllt dass sie in einer Schlangenlinie über diese Autobahnen ging und die Menschen sich also zu Hunderttaußen an Händen hielten einem dann auch mit leuchtenden Augen erzählten, wie der Strom ja der Stromschlag der Gemeinschaft sie durch Zucktare als um zwölf Uhr.

00:09:27: Sie sich alle an den Händen gefasst haben.

00:09:29: und da haben natürlich Zeitgenossen des Faschismus unter anderem meine Eltern die haben das grauen bekommen.

00:09:35: also meine Eltern haben sofort gesagt Ja das haben wir schon mal erlebt diese gemeinschaftsgefühle.

00:09:40: Und in Italien gab es auch den Versuch eine menschenkette zu bilden eine viel kürzere nämlich zwischen Komiso und Catania, zwei Städte in Sizilien wo Mittelstreckenraketen stationiert werden sollten.

00:09:51: Und auch stationiert wurden.

00:09:53: Diese Menschenkette ist nicht zustande gekommen Die Landkarten stimmten nicht die Leute sind an die falschen Sammelpunkte gekommen es waren überhaupt nicht genügend da.

00:10:02: kurz um Da stand dann irgendwo in der zizilianischen Landschaft ein paar Verstreute Pachifis die herum und Es war kein Gemeinschaftsgefühl und das hatte ich eben miterlebt.

00:10:15: hatten wir das so anschaulich gezeigt, ja was dann doch der Unterschied ist.

00:10:18: Ja gut und schön Friedensbewegung man konnte da auch diskutieren, was es vernünftig in diesem Moment... In Deutschland konnte man da gar nicht mehr diskutieren was vernünftig in diesen Moment aber es hat jedenfalls nicht diesen kollektiv formierenden Effekt wie es den in Deutschland hatte.

00:10:35: Und vor diesem Hintergrund hat mir damals der borasche Text Nummer drei im besonderer Weise aus dem Herzen gesprochen.

00:10:46: Also ich war Student, ich war genau fünfundzwanzig als das herauskam im Frühjahr bis Herbst, vierundachtzig meines Wissens oder Anfangfünfundachzig und ich war nicht für Kohl.

00:10:57: Ich hatte nach meiner Erinnerung damals zum ersten Mal die Grünen gewählt oder die SPD gewählt.

00:11:02: also jedenfalls bestimmt mich die CDU gewählt Und dieses Auftreten von Kohl hat mir auch nicht behagt.

00:11:14: vor allem noch viel schlimmer als die Pershing-Frage, bei der ich selber ganz unsicher war fand ich eigentlich diesen Anspruch geistig moralische Wände von einer Bundesregierung.

00:11:25: Also die Idee eine geschäftsführende Bundesregierung habe das Recht und den Anspruch sie können irgendwie geistigt intellektuell in diesem Land etwas verändern Könne da eine Richtung vorgeben, die kamen ja absolut abwechig vor.

00:11:47: und auch allen Leuten mit denen ich gesprochen habe.

00:11:51: Auch übrigens im Kontrast zu dem was Bohrer auch erwähnt, zu dem Präußischen Understatement von Helmut Schmidt der sich als den leitenden Angestellten der Bundesrepublik bezeichnet hatte.

00:12:02: nun kritisiert Bohrer ja auch die angestellte Mentalität der Neuen sagt aber Helmut verwendet das als Zitat einer preußischen Haltung.

00:12:13: Also, das ist natürlich der erste Diener des Staates von Friedrich dem Großen oder Premier-Serviteur de Leta und das ist dann modernisiert der Leitende Angestellte.

00:12:22: Das ist ja fast eine wortliche Übersetzung.

00:12:24: Während Bora Baikol und der CDU den Angestelten in einen ganz anderen Zusammenhänge rückt nämlich Funktionär, der mit seinem Sessel verwext.

00:12:38: Der nicht im Stande ist von seiner Funktion abzusehen.

00:12:45: Der gesichtslos ist, der nur persönliche Verfehlungen und Schuld übernehmen kann, der nicht im stande ist eine Rolle zu übernehmen also als Politiker dann eben zum Beispiel auch zurückzutreten wenn er selber von einer Verfehlung innerhalb seines Amtes gar nichts gewusst hat dass er einfach wie man Ja, immer noch sagt Verantwortung übernimmt.

00:13:10: Und dann sagen die Leute ja ich habe nichts gewusst und man hat mich nicht informiert und mich trifft.

00:13:15: keine persönliche Schuld oder den Betreffenden betrifft keiner persönlichen Schuld.

00:13:20: lasst uns eben auch eine Chance geben und das ist ja eines der Impulse von Bohrer im Grunde gefolgend einem Autor, den er nicht erwähnt, den vielleicht damals gar nicht gekannt hat nämlich Plessner nicht, grenzender Gemeinschaft also diese Anforderung von Plessners eben soziale Unmittelbarkeit im öffentlichen Zusammenhang zu üben, sondern als Person, Personamaske eine Rolle zu übernehmen.

00:13:47: Eine, wie Bohrer es nennt, symbolische Figur mit symbolischem Handeln zu übernemen und das war natürlich ein Anspruch der relativ ungewöhnlich war in dieser Zeit.

00:13:57: also wir waren konfrontiert mit Hochschullehrern die eben gar nicht die Rolle des Professors oder des Ordinarius ausüben also zum Beispiel ein Konzert, wo ich angefangen hatte im Holzhacker-Hemd auftraten und uns duzen.

00:14:14: Und dieses Geduze – das ja vielleicht eine Kopie aus angelsächsisch-amerikanischer Verhältnis hat mir missfallen, weil ich immer das Gefühl hatte, dass ist ideologisch denn es verhüllt Machtverhältnisse die trotzdem weiter bestehen.

00:14:31: Der Professor der einen Duzt ist ja trotzdem der, der die Prüfungen abnimmt über Schipänien mitentscheidet, der einen fördert oder eben auch nicht fördert.

00:14:42: Oder links liegen lässt und das kann keinen Wut in dieser Welt vermeiden.

00:14:50: Das ist eben so!

00:14:51: Und deshalb fand ich immer die älteren Professoren, die mich als Kollegen und als Erwachsener behandelt haben und also mit sie angeredet haben – zum Beispiel Manfred Fuhrmann oder Koselek oder Borst – wesentlich angenehmer.

00:15:04: Ich fand mich selber respektvoller behandelt.

00:15:06: Ich fands der Situation angemessener, aber es gab die Nutzer und es gab natürlich auch... ich erinnere mich an eine Altgermanistin, die ist mit der von Bohrer erwähnten Latshose aufgetreten und zwar in einer unangenehmen Farbe.

00:15:22: Und ich war Zivildienstleister, ich war Kriegsdienstverweigerer.

00:15:28: Ich war früher Anhänger der Grünen, aber das hat mir nicht gefallen!

00:15:32: und zwar aus dunkel geahnten, aber doch den selben Motiven die Bohrer in diesen Texten anführt.

00:15:42: Das war ja sicher auch, Bohrer waren noch nicht lange herausgeber des Mercur zu dem Zeitpunkt.

00:15:46: Er sichert auch seinen Versuch, sein geglückter Versuch den Mercur politisch zu positionieren also auf eine exzentrische Art ich glaube sehr bewusst natürlich auch seine Überzeugungen entsprechend.

00:15:57: man kann an die Texte schon die Rückfrage stellen welches Gegenbild des politischen hat er eigentlich?

00:16:04: oder verfehlt er nicht sowieso in gewisser Weise das Wesen des politisch mit seinen Vorwürfen, die ja wie auch immer selber sagen würde letztlich aus einem ästhetischen Impuls kommen den er halt politisch zu fassen versucht.

00:16:16: Aber was sagen wir?

00:16:17: Was ist eigentlich das Politikverständnis dass man daraus positiv rekonstruieren könnte?

00:16:23: Ja also diese Einwände hatten wir damals natürlich auch.

00:16:27: alle hatten im Ohr Angriffe von Benjamin auf die Ästhetisierung des politischen Infaschismus, das konnte man damals praktisch herbeten.

00:16:37: Und vor diesem Hintergrund wirkte das natürlich doppelt provozierend.

00:16:42: und zunächst mal was Willbohrer?

00:16:49: Das sagte ganz offen und das sagte ja mit provozieren der Deutlichkeit auch dass eben eine symbolische Form Vorschweb, die einen Klassencharakter hat.

00:17:01: Er spricht ja von einer erzogenen Klasse.

00:17:05: Der Feind ist das Kleinbürgertum, also eine bestimmte Soziologie der Bundesrepublik.

00:17:10: Auch das war extrem provozierend!

00:17:12: Die Bundesrepublique war ja noch voll in ihrer egalitären späten Gründungsphase.

00:17:17: Wir hatten gerade den RAF-Terrorismus hinter uns gelassen.

00:17:21: Das muss man dann vielleicht auch als Historischer Grund erwähnen diese Betroffenheits... und Pathos Kultur des irgendwie utopisch kondierten RAF-Terrorismus.

00:17:35: Und Bohrer kam erstens von einer bürgerlichen Sicht der Dinge, einem emphatischen Begriff von Bürgertum ja geradezu von Aristokratie oder meinetwegen von Gentry hat das auch soziologisch verortet.

00:17:50: Der Name Baudiot geistert durch diese Tänkste Aber er kam eben auch aus Westeuropa.

00:17:56: In einem vorangehendhexibliostetik des Staates inszeniert er ja die Anreise aus Paris in ein entvölkertes Land.

00:18:04: und dieses entvölkerte Land, das kann man sich ja so als Land nach einem Neutronenbombenschlag vorstellen.

00:18:12: Das zitiert also diese ganzen Ängste und Atombesorgnisse, die damals die Friedensbewegung kundiert haben.

00:18:20: Und diese westeuropäischen Nationen hatten eben noch Führungsschichten, die hatten Rituale, die hatte Symbole, die hat anständige Flaggen in Deutschland, diese Kirchentagsflaggen, die alle gelb sind oder diese lustigen atronkraftnein-danke Smileys da, das hebt ja ja ab gegen die tricoloren.

00:18:41: Farben also... Blau, Weiß, Rot der westeuropäischen Nationen.

00:18:46: Bore sagt gelegentlich Erkannten nur Tricoloren ernst nehmen weil die aus der Revolution kommen.

00:18:52: Deutschland das Land ohne Revolution Das Konsensland das land Ohne große Stadt ohne Urbanität damals ja auch ohne Vorzeigbarer Hauptstadt.

00:19:02: das war hier die Bonner Republik Mit einer Führungsschicht die diskreditiert worden war die abgeräumt war

00:19:09: Insofern natürlich konsequent, dass in den neunziger Jahren der Sitz des Mercur nach Berlin verlegt wurde von München.

00:19:16: Ja

00:19:16: genau das war eigentlich unvermeidbar würde ich sagen und darauf habe mich damals alle gewartet.

00:19:24: aber das ist natürlich hoch anfechtbar.

00:19:27: Das ist ein Verständnis von Politik das auf erfahrene Eliten setzt aristokratische Formen setzt, das in gewisser Weise auch literarische Traditionen voraussetzt.

00:19:42: Das wissen wir nun als Bohrerleser noch etwas deutlicher, als wir es damals schon gesehen haben.

00:19:47: Also Bohrer zitierte dann zu späteren Anlässen ja gern die großen Gebete von Heinrich V vor der Schlacht von Aserkur und meinte damit George Bush Senior vor dem Irakkrieg.

00:20:03: Das ist natürlich hoch anfächbar.

00:20:05: Ich muss nun dazu sagen, dass nicht nur mir sondern auch meinen damaligen Gesprächspartnern zu denen auch einige spätere Merkurautoren zählten die eben auch bei Boa studiert haben uns viele der im engeren Sinn politischen Implikationen überhaupt nicht geheuer waren.

00:20:23: ich glaube man konnte diese Texte als satirische Beschreibungen auch schätzen und gerade zu genießen und darüber lachen ohne sich politische Haltungen eigenzumachen.

00:20:33: Und noch ein wichtiges Asseil in diesem Zusammenhang ist, dass er ja eine ganz klare Unterscheidung macht bei der Analyse der Grünen zwischen dem predigerhaften kirchentagshaften Flügel und Figuren wie Otto Schiele und Joscha Fischer die eben richtige parlamentarische Kämpfer sind.

00:20:50: Das heißt das Parlament als Arena der Rhetorik der zugespitzten Auseinandersetzung auch des aufgekündigten Konsenses.

00:21:01: Das war natürlich nach Boeras Herz, also das ist schon eine Form von Politik oder einer Form despolitischen, wenn man diesen schwierigen Begriff verwenden will der auf Repräsentation setzt.

00:21:16: Repräsentation in der ganzen Breite dieses Wortes.

00:21:19: Also der repräsentativen Demokratie, der einer repräsidentativen politischen Klasse und einer reprezentativen Darstellung im symbolischen Formen.

00:21:29: Und das ist vielleicht in gewisser Weise die Antwort auf Ihre Frage.

00:21:36: Wie

00:21:36: zeitgemäß, das habe ich mich gefragt bei der Lektüre.

00:21:41: Mir hat der dritte Teil auch... Ich habe die Texte damals nicht gelesen.

00:21:46: Ich kenne sie aus den neunziger Jahren.

00:21:51: Mich hat der Dritte am meisten überzeugt weil ich das Milieu noch sehr gut kenne.

00:22:01: Glauben Sie, dass man mit dieser trias von triadischen Typologie die er da entwirft heutige politische Verhältnisse noch trifft?

00:22:11: oder ist das nur aus der Situation der Zeit verstehbar?

00:22:16: Schwierige Frage.

00:22:17: Also ich würde sagen teils teils.

00:22:19: Er markiert ja selber den historischen Moment durch dieses Motiv der weißen Jahrgänge also der ersten Jahrgänger in der Politik der Bundesrepublik selber nicht mehr aktiv schuldhaft an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt sein konnten, weil sie einfach zu jung dafür waren und die also auch nie im Krieg waren.

00:22:41: Helmut Schmidt war ja noch in dem Krieg gewesen und hat darüber auch öfters gesprochen.

00:22:46: Und Helmut Kohl war ja nicht einmal mehr Flakhelfer-Generation Also wie zum Beispiel Ernstensberger und diese ganze Alterskoorte sondern nochmal zehn Jahre jünger.

00:22:56: Das heißt, Kohl nicht nur den Zweiten Weltkrieg nicht mehr aktiv mitgemacht.

00:23:03: Er hat ihn natürlich erfahren und erlebt, sondern er war auch kein wertpflichtiger Jegewesen also gehörte auch in die Zeit wo man noch nicht in die Bundeswehr gehen musste.

00:23:15: das nannte man damals die weißen Jahrgänge und Kohl hat in einer Weise, die ihm damals glaube ich zu Unrecht angekreidet wurde von der Garde der späten Geburt gesprochen, wollte damit eigentlich eine Bescheidenheitsgeste vollbringen und sagen ich weiß gar nicht wie ich mich verhalten hätte.

00:23:35: Ich hatte gar nicht die Gelegenheit zu sündigen.

00:23:38: das war eigentlich der Sinn dieses Satzes und er ist ihm im Munde umgedreht worden.

00:23:44: Das war auch damals schon relativ schnell erkennbar dass ja das war eine Rede meines Wissens in Israel oder eine Äußerung auf einer Pressekonferenz in Israel.

00:23:54: das weiß ich nicht mehr wo er sich eigentlich zurückgenommen hat und gesagt hat, ich kann nur Verantwortung abstrakt übernehmen.

00:24:04: Aber ich kann nicht

00:24:06: abbeten leisten... Und damit ja genau die Geste, die ausporischer Sicht notwendig wäre?

00:24:11: Ja,

00:24:11: genau!

00:24:12: Also diese Verantwortung eben nicht nur im persönlichen Bereich.

00:24:15: Genau, eben auch über... Im Grunde dann schon so etwas wie die Vorzündung des Warschauern Kniefals, den Bohrer als positives Beispiel erwähnt Denn auch der kam ja von Willy Brandt, von einem, der als Immigrant und damaliger Kommunist eindeutig selber persönlich unschuldig war.

00:24:32: Und er trotzdem für sein Land da auf die Knie gesunken ist.

00:24:36: Und zufallend war die qualsche Äußerung, die sicher vorab überlegt gewesen ist eine Fortsetzung dieser Arten.

00:24:45: Das war wie bei dieser misslungenen Jenninger Rede im Bundestag deren schriftliche Wortlaut ja völlig unanfähigbar ist, einfach eine Frage auch der Performance.

00:24:56: Und zurück zu Ihrer Frage wie das heute zu verstehen ist wir sind natürlich jetzt heute fast vierzig Jahre weiter und das heißt die Heute So alt sind, wie ich es damals eigentlich gelesen habe.

00:25:15: Die sind Anfang der neunziger Jahre auf die Welt gekommen oder Mitte der Neunzige Jahre auf den Welt gekommen.

00:25:20: Das heißt nach dem Mauerfall.

00:25:22: Die waren sechs, sieben Jahre beim elften September.

00:25:24: das muss man sich immer klar machen und für die stellt sich natürlich dieses Problem in gewisser Weise in verschärfter Form.

00:25:35: jedoch wenn man sich das agieren von Frau Merkel anschaut also Zum Beispiel, dass sie wichtige Entscheidungen in ihrer Flüchtlingspolitik nicht im Parlament diskutiert hat sondern bei Anne Will unter die Leute gebracht hat.

00:25:50: Oder in Nebenbemerkungen auf Bundespressekonferenz, die fast zufällig gefallen sind also diese Dinge wie wenn ich nicht mehr ein freundliches Gesicht zeigen kann dann ist das nicht mehr mein Land.

00:26:03: Das war ja die Antwort auf eine Journalistenfrage.

00:26:06: auch dass wir schaffen das dass Marx, die sich alles vorher überlegt haben.

00:26:11: Aber das kommt wie beiläufig daher und auch dieses Unterleihende von ihr wenn sie mal eine Rede hält also Sie kann ja einfach nicht reden.

00:26:24: Das ist einerseits eine persönliche Schwäche, die in der Demokratie nichts Nebensächliches ist aber die natürlich auch etwas Systemisches hat Wenn man auf den Kontext der Kanäler in denen das passiert.

00:26:39: Also der Talkshows, der Star-Moderatorinnen die dann mit den Spitzenpolitikern auf Augenhöhe wie man sagt reden sind ja Formate dies in der Bullzeit noch gar nicht gab oder Social Media wo auch die Bundesregierung natürlich Facebook Kanäle YouTube Kanälen bespielt und praktisch dem Einzelnen entgegen kommt vor seinem Telefon oder seinem iPad.

00:27:09: Und also die Bedingungen für symbolisches Handeln sich sehr stark verändert haben mit der Folge, dass man sich ja tatsächlich fragen muss was ist die Rolle des Parlaments in dieser neuen Kommunikationswelt?

00:27:26: Bis hin jetzt zu diesen aktuellen Problemen, die wir sehen bei der Regierungsbildung das sagen die Anforderung eine Regierung zu bilden Ja, bei manchen wie so eine Art Bitte um versteht euch mal und es muss doch möglich sein, da ein Kompromiss zu finden geht.

00:27:49: Also da hat sich sehr viel erhalten von dieser bohrerschen perhoristierten Unmittelbarkeit.

00:27:58: also das ist nachher vor ein Text an dem man lernen kann würde ich sagen den man sich nie zur Eigen machen musste aus meiner Sicht auch gar nicht hätte zu eigen machen sollen und das ist ja das Schöne auch bei Bohrer immer gewesen, dass man eben in diesen Fragen ja auch ironisch kommen konnte.

00:28:14: Also ich habe Bohrer dann kurz danach auch als Hochschullehrer erlebt.

00:28:18: Ich war in Seminaren mit prickelnden Titeln wie Das Böse oder das Epikonale und wie alle ambitionierten Studenten damals bin ich dann natürlich auch frech aufgetreten den Diskussionen wehrend und danach da auch die Stichworte aufgebracht.

00:28:43: Aber das gehörte zum Spiel, dass Bohrer ja wollte.

00:28:46: Bohrer wollte ja die freie Äußerung, wollte ja das Unverschwiemelte und hat den servieren Schüler nicht gemocht.

00:28:59: Vielen Dank!

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